Berlin psychologe geschlecht
Eines Nachts im Jahr fand der junge Arzt Magnus Hirschfeld einen Soldaten vor seiner Praxis in Berlin. Der Mann war verstört und aufgeregt. Und dann machte er ein gefährliches Geständnis: Er sei schwul. Der damalige berüchtigte Paragraf im deutschen Strafgesetzbuch hatte Homosexualität für illegal erklärt. Der junge Mann hätte im Gefängnis landen können für sein Bekenntnis.
Hirschfeld verstand die Notlage des Soldaten — er war selbst homosexuell und jüdisch. Er tat sein Bestes, um seinen Patienten zu trösten. Aber der Soldat hatte sich bereits entschieden. Es war der Abend vor seiner Hochzeit, ein Ereignis, das er nicht ertragen konnte. Er erschoss sich. Der Tod des Soldaten verfolgte Hirschfeld sein ganzes Leben.
Für welches Vaterland sollten homosexuelle Soldaten kämpfen? Hirschfeld gab seine Arztpraxis auf und begann einen Kreuzzug für Gerechtigkeit, der den Lauf der queeren Geschichte verändern sollte. Hirschfeld wollte sich dem Thema sexuelle Gesundheit widmen. Viele seiner Vorgänger und Kollegen hielten Homosexualität für pathologisch und beriefen sich auf Theorien aus der Psychologie, um zu belegen, dass sie ein Anzeichen für psychische Krankheiten war.
Dagegen argumentierte Hirschfeld, eine Person könne mit Eigenschaften geboren werden, die nicht in heterosexuelle oder überhaupt in binäre Kategorien passten. Er unterstützte die Idee, dass ein »drittes Geschlecht« existierte.
Psychologen in Berlin mit Schwerpunkt Geschlecht behandeln Identitätsfragen, LGBTQ+-Themen und geschlechtsspezifische psychische Herausforderungen wissenschaftlich fundiert.
Dazu zählte er Menschen, die er zu jener Zeit als »Transvestiten« bezeichnete: diejenigen, die die Kleidung des anderen Geschlechts tragen wollten oder sich charakterlich dem anderen Geschlecht zugehörig fühlten. Ein Soldat, mit dem Hirschfeld zusammengearbeitet hatte, beschrieb das Tragen von Frauenkleidung als Chance, »zumindest für einen Moment Mensch zu sein«.
Hirschfeld erkannte auch, dass diese Menschen entweder homosexuell oder heterosexuell sein können. Vielleicht noch überraschender: Hirschfeld ging auch davon aus, dass es Menschen ohne festes Geschlecht gibt — ähnlich dem heutigen Konzept der nicht binären Identität er zählte zum Beispiel die französische Schriftstellerin George Sand dazu.
Das war nicht nur zukunftsweisend, sondern womöglich fortschrittlicher als so manch verbreitete Denkweise mehr als Jahre später. Denn noch heute empfinden einige Menschen Transsexualität als etwas Unnatürliches. Nach einer britischen Gerichtsentscheidung im Jahr , die die Rechte von Transsexuellen einschränkte, forderte ein Leitartikel im »Economist« , andere Länder sollten nachziehen.
Ein Artikel im »Observer« lobte das Gericht dafür, dass es sich einem »beunruhigenden Trend« widersetze. Doch die Geschichte zeugt von jeher von der Pluralität von Geschlecht und Sexualität. Hirschfeld betrachtete Sokrates, Michelangelo und Shakespeare als Vertreter sexueller Zwischenstufen; ebenso seinen Partner Karl Giese und sich selbst. Bereits Hirschfelds Vorgänger in der Sexualwissenschaft, Richard von Krafft-Ebing, hatte im Jahrhundert behauptet, Homosexualität sei eine natürliche sexuelle Variation und angeboren.
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Hirschfelds Forschung über sexuelle Zwischenstufen war mehr als nur eine Modeerscheinung. Sie folgte vielmehr der Erkenntnis, dass Menschen mit einer Natur geboren werden können, die ihrem zugewiesenen Geschlecht widerspricht. Und sollte der Wunsch, als das andere Geschlecht zu leben, sehr stark sein, dann sollte die Wissenschaft das ermöglichen, fand Hirschfeld.
Anfang kaufte er eine Berliner Villa und eröffnete dort am 6. Juli das Institut für Sexualwissenschaft. Bereits sollten die ersten Geschlechtsumwandlungen durchgeführt werden. Als Eckgebäude mit Flügeln zu beiden Seiten war das Institut für Sexualforschung in Berlin ein architektonisches Juwel, das ebenso professionelle wie heimelige Räume beherbergte. Ein Journalist berichtete damals, es könne kein wissenschaftliches Institut sein, denn es sei plüschig und »überall voller Leben«.
Hirschbergs erklärtes Ziel war es, einen Ort der »Forschung, Lehre, Heilung und Zuflucht« zu schaffen, der »von körperlichen Leiden, psychischen Beschwerden und sozialer Entbehrung befreien kann«. Das Institut wurde zu einem Ort der Bildung. Während seines Medizinstudiums musste Hirschfeld zusehen, wie ein schwuler Mann nackt vor der Klasse vorgeführt und als degeneriert beschimpft wurde.
Später bot er stattdessen Sexualaufklärung an, Beratung zur Empfängnisverhütung und anthropologische sowie psychologische Forschung zu Geschlecht und Sexualität. Er arbeitete unermüdlich daran, den Paragrafen zu kippen. Und weil das nicht klappte, erstritt er für seine Patienten und Patientinnen staatlich akzeptierte »Transvestiten«-Personalausweise , die einer Festnahme vorbeugen sollten.
Auf dem Gelände befanden sich auch Büroräume für feministische Aktivistinnen sowie eine Druckerei für Zeitschriften zur Sexualreform, die über Mythen zur Sexualität aufklärten. Neben Psychiatern hatte Hirschfeld den Gynäkologen Ludwig Levy-Lenz engagiert. Zusammen mit dem Chirurgen Erwin Gohrbandt führte dieser eine Operation von Mann zu Frau durch, eine so genannte Genitalumwandlung.
Den Patienten wurde auch eine Hormontherapie verschrieben, die für natürliche Brüste und weichere Gesichtszüge sorgen sollte. Die Studien des Zentrums erregten internationale Aufmerksamkeit. Trotzdem hatten die Betroffenen Probleme, anerkannt zu werden. Nach der Operation hatten beispielsweise einige Transfrauen Schwierigkeiten, eine Arbeit zu finden und ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.
Auf diese Weise versuchte Hirschfeld ihnen einen sicheren Raum zu geben — und sie manchmal auch vor dem Gesetz zu schützen. Heute sind viele überrascht, dass es bereits ein Institut gab, das die Vielfalt der Geschlechteridentität anerkannte und Betroffene unterstützte. Es hätte das Fundament für eine mutigere Zukunft sein können.
Doch als das Institut sein zehnjähriges Bestehen feierte, war die NSDAP bereits auf dem Vormarsch. Adolf Hitler wurde am Januar zum Reichskanzler ernannt und verkündete, Deutschland von lebensunwertem Leben befreien zu wollen. Das führte zur Ermordung von Millionen Menschen, darunter auch Homosexuelle und Transgender-Personen.
Als die Nazis am 6. Sein Partner Karl Giese floh und nahm einige wenige Kostbarkeiten mit. Soldaten verbrannten mehr als 20 Bücher, darunter einige seltene Exemplare von Hirschfeld und seinen Kollegen. Jugendliche, Studenten und Soldaten beteiligten sich an der Zerstörung. Die Medien erklärten, der deutsche Staat habe »den intellektuellen Müll der Vergangenheit« verbrannt.
Die Sammlung war unersetzlich. Der Gynäkologe Levy-Lenz, der wie Hirschfeld Jude war, floh aus Deutschland. Hirschfeld galt in der Nazi-Propaganda als Inbegriff des Feindes der perfekten heteronormativen arischen Rasse. Unmittelbar nach dem Nazi-Überfall schloss sich Karl Giese in Paris Hirschfeld und dessen Schützling Li Shiu Tong an, einem Medizinstudenten.
Die drei lebten als Partner und Kollegen zusammen, in der Hoffnung, das Institut eines Tages wieder aufzubauen. Bis die drohende Nazi-Besatzung in Paris sie zur Flucht zwang: Hirschfeld starb dabei an einem plötzlichen Schlaganfall, Giese nahm sich das Leben. Aber sie sind nicht vergessen — jedenfalls nicht ganz. Hier und da taucht die Geschichte des Instituts für Sexualwissenschaft in der Populärkultur auf, beispielsweise in der Fernsehsendung »Transparent«.
Allzu viel hört man heute aber nicht mehr über ihn und seine Kollegen — die Nazis haben die fortschrittliche Forschung nachhaltig aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht. Die Geschichte des Instituts für Sexualforschung sollte uns eine Warnung sein. Die aktuelle Gesetzgebung — insbesondere in den USA — und die Forderung, Transkinder von ihren Eltern zu trennen , haben eine auffallende Ähnlichkeit mit den Nazi-Kampagnen gegen abweichende Lebensentwürfe.
Studien haben gezeigt, dass eine unterstützende Hormontherapie, die in einem frühen Alter beginnt, die Suizidrate bei Transjugendlichen senkt. Gleichzeitig gibt es noch immer die Ansicht, Transidentität sei nichts, womit man »geboren« werde. Dem Evolutionsbiologen Richard Dawkins wurde kürzlich seine Auszeichnung als »Humanist des Jahres« entzogen , weil er Transmenschen mit Rachel Dolezal verglichen hatte.
Als sie aufflog, wurde sie als »Race-Faker« beschimpft. Dawkins drückte mit seinem Tweet die Vermutung aus, dass sich Transpersonen aus freien Stücken für das andere Geschlecht entscheiden. Seine Kommentare fallen in eine Zeit, in der Florida Transpersonen die Teilnahme am Sport verbieten will und in der ein Gesetz in Arkansas Transkindern und -jugendlichen eine Betreuung verweigert.
Wenn man auf die Geschichte von Hirschfelds Institut zurückblickt, fragt man sich: Was hätte sich aus einer solchen Institution, die für sexuelle Vielfalt steht, entwickeln können? Aus der Arbeit dieser Pioniere können wir heute noch Hoffnung schöpfen. Ihre Geschichte sollten wir als Warnung begreifen. Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren.
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