Struktureller mangel psychologie
Als Ausgangspunkt dieser Arbeit dienen Ansätze, die eine narrative Perspektive für das Verständnis von Psychopathologie und die psychotherapeutische Praxis vorschlagen. Die Arbeit mag einen Impuls geben, ein tieferes Verständnis für narrative Dysfunktionen zu entwickeln und ihre Ursprünge sowie ihre Bedeutung für psychische Störungen und deren Behandlung vermitteln.
Attempts to propose a narrative perspective for the understanding of psychopathology and psychotherapeutic practice serve as the starting point of this paper. The findings can be summarized under the three terms of coherence, agency and perspectives. This paper is expected to provide an impulse to convey a deeper understanding of narrative dysfunctions, their origins and their importance for psychological disorders and their treatment.
Weiterhin eröffnen sich so Zusammenhänge zwischen der Form autobiografischer Erzählungen und dem Krankheitserleben. Der Mensch ist prädisponiert, Erfahrungen in einer narrativen Form mit Absichten und Handlungsplot zu organisieren. In einem narrativen Denkmodus versucht er, sich den Rätseln menschlichen Verhaltens anzunähern. Geringstenfalls ist es ein selektives Aufrufen von Erinnerungen, darüber hinaus ist das Erzählen des eigenen Lebens eine interpretative Leistung.
Bruner , S. Autobiografische Erzählungen sind bedeutsam für die Entwicklung der eigenen Identität Habermas und Kemper ; Linde Die Analyse von Erzählungen kann zu einem tieferen Verständnis davon führen, wie Psychopathologie in der Sprache ausgedrückt wird. Es wurde lange übersehen, dass Sprache und Erzählungen selbst Ausdruck von Psychopathologie sein können Capps und Ochs Der Fokus der Psychologie auf nomothetische Ansätze übersieht daher allzu oft die verflochtene Problematik von Sprache, Bedeutung und Kontext Mishler Narrative sollten in der klinischen Praxis also nicht einfach als Mittel benutzt werden, um an einen zugrunde liegenden chronologischen Bericht der Geschehnisse zu gelangen, sondern selbst als psychologisches Phänomen betrachtet werden Soroko Eine narrative Perspektive gibt es spätestens seit den er-Jahren in der psychotherapeutischen und v.
Hierbei treten sie in Dialog und schaffen gemeinsam Bedeutung aus den im Feld befindlichen Elementen.
Ursachen sind oft unzureichende Finanzierung, fehlende Standards oder regionale Unterschiede im Gesundheitssystem.
Auch gibt es konstruktivistische Therapieansätze u. White und Epston Auf Grundlage dieser theoretischen Ausführungen über die narrative Beschaffenheit des menschlichen Denkens wird im Folgenden argumentiert, dass Psychopathologie zumindest in Teilen als Störung des narrativen Organisationssystems verstanden werden kann. Das hilft zum einen, die Psyche, und zum anderen, das tatsächlich Erlebte besser zu verstehen.
Ziel der Untersuchung ist die Identifizierung formaler Kriterien autobiografischer Erzählungen, die auf eine Psychopathologie hinweisen können. Der Unglückliche ist immer sich abwesend, nie sich selbst gegenwärtig. Kierkegaard , S. Grundlage des Beitrags sind theoretische Überlegungen zu funktionalen und nichtfunktionalen Narrativen.
Sie erfüllen spezifische Funktionen in Erzählungen und können Hinweise auf die Psychopathologie geben. Kohärenz beschreibt verschiedene Dimensionen, in denen die Teile einer Erzählung in einen Zusammenhang gesetzt werden können und somit eine sinnvolle und nachvollziehbare Geschichte ergeben. Die klinische Bedeutung einer kohärenten autobiografischen Erzählung zeigt sich u.
Dort wird sie als Hinweis auf die innere Repräsentation von Bindungserfahrungen erfasst George et al. Darüber hinaus ist die Diskontinuität von Erzählungen mit Identitätsverwirrung Erikson und Borderline-Persönlichkeitsstörungen assoziiert Kernberg Perspektiven in Erzählungen beinhalten sowohl die Beschreibung von Emotionen als auch thematische Vielfalt und die Fähigkeit, einzelne Ereignisse aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten zu können.
Eine Einschränkung von Perspektiven gibt Hinweis auf die Abwehr von Gefühlen und Einsichten Habermas und ist u. Die Fähigkeit, etwas narrativ zu strukturieren, entwickelt sich aus dem Bedürfnis, Ambiguität zu reduzieren und Kohärenz zu schaffen Mancuso So legen Studien einen positiven Zusammenhang von narrativer Kohärenz und psychischem Wohlbefinden nah: Bei Jugendlichen, die eine Wendepunkterzählung aufschrieben und Fragebogen zu psychischem Wohlbefinden und psychopathologischen Symptomen ausfüllten, war kausale Kohärenz sowohl aktuell als auch im Abstand von einem Jahr mit höherem Wohlbefinden assoziiert Mitchell et al.
Der Fall der jährigen, an Hysterie leidenden Patientin Dora von Freud gibt einen ersten Hinweis auf den Zusammenhang von inkohärenten Erzählungen und psychischem Leiden. Die Erzählungen über ihr Leben und ihre Krankheit waren oftmals orientierungslos; vieles blieb verborgen und unklar.
Betroffene leiden unter verzögerter Hilfe oder unpassenden Therapieangeboten, was Leidensdruck und Chronifizierung verstärkt.
Aus ihrer Geschichte lässt sich schlussfolgern, dass das menschliche Leben im Idealfall als verbundene und kohärente Erzählung begriffen werden kann, in der verschiedene Episoden in einen motivationalen Zusammenhang eingebettet sind. Eine psychische Störung kann demzufolge zumindest in Teilen als das Leiden an einer inkohärenten Lebensgeschichte verstanden werden, die das Selbst nicht adäquat erfasst Marcus Denn, wenn das Selbst narrativ begriffen wird, entsteht es auf der Grundlage von Ereignissen und Erlebnissen, die bedeutungsvoll in die Lebensgeschichte integriert werden und somit das Selbstkonzept prägen Habermas und Bluck Diese Wechselwirkung ermöglicht, mit Erlebnissen umzugehen, die das Selbstverständnis herausfordern und sich an neue Umstände anzupassen.
In einer Studie, die den Zusammenhang von autobiografischen Erzählungen über persönlich bedeutsame Ereignisse und psychischem Wohlbefinden sowie Ausführungen zur eigenen Identitätsentwicklung zum Inhalt hat, zeigte sich, dass die Fähigkeit, die eigene Identitätsentwicklung kohärent erzählen zu können, mit einem Gefühl von Bestimmung und Sinnhaftigkeit assoziiert ist Waters und Fivush Eine kohärente Lebenserzählung erfüllt also die individuelle Funktion, das eigene Selbstbild zu etablieren.
Aber sie ermöglicht auch den sozialen Austausch, weil die eigenen Erfahrungen anderen verständlich kommuniziert werden können Dimaggio und Semerari Salvatore et al. Auf dieser Stufe werden mentale Bilder mit Emotionen verknüpft, um später in eine bedeutsame Erzählung integriert zu werden. Bei schweren Persönlichkeitsstörungen ist zu beobachten, dass die Verknüpfung von Erlebnissen und Affekten dysfunktional ist: Starke Emotionen evozieren unkontrolliert Erinnerungen, die nicht sinnvoll miteinander in Beziehung gesetzt werden können.
Die entstehenden ungeordneten Narrative machen es den Zuhörenden häufig unmöglich zu dechiffrieren, was die Erzählenden aussagen möchten. Neben der beschriebenen kommunikativen Funktion ermöglichen Erzählungen einen Blick auf das eigene Leben als temporalen Verlauf von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. So betrachtet, hat auch das Entwickeln von Hoffnung Kohärenz zur Voraussetzung: Sie ermöglicht die Vorstellung einer Zukunft, die dem fortlaufenden Leben Sinn verleiht.
Keen bezeichnet diese Art der Erzählung als kataklysmisch : Es kann keine Zukunft gedacht werden, in der das Gute das Böse besiegt und das Selbst geheilt wird. Diese temporale Komponente erinnert an Narrativität an sich, also dass die Geschichte zeitlich und inhaltlich fortschreitet, statt sich in Wiederholungen und Gedankenschleifen zu verlieren.
Auch depressive Störungen hängen hiermit zusammen, denn sie zeichnen sich u. Charakteristisch ist die Wahrnehmung, dass die Zeit stillstehen würde, die Vergangenheit auch schon schlecht gewesen sei und sich daran auch in Zukunft nichts ändern wird. Das wird in depressiven Narrativen reflektiert, sie sind ruminativ und weniger linear als die von nichtdepressiven Menschen Habermas et al.
Es lässt sich festhalten, dass Kohärenz dem Selbst Flexibilität verleiht, weil sie einschneidende Ereignisse in die Lebenserzählung integriert und Aussicht auf eine Zukunft ermöglicht. Jedoch können Erzählungen auch kohärent strukturiert und nachvollziehbar erzählt, aber trotzdem pathologisch sein Salvatore et al.
Solche maladaptiven Formen von Kohärenz werden weiter unten aufgegriffen. Es entwickelt sich die Gewissheit, selbst Urheber seiner Gedanken und Taten zu sein. Die Wahrnehmung der eigenen Handlungsfähigkeit ist grundlegend für ein gesundes Vertrauen in sich selbst Stern Als Gegensatz entwirft Schafer die Sprache der Handlung, die das Selbst als Verursacher darstellt.
Das resultierende Gefühl des Ausgeliefertseins ist entscheidend für ihren Leidensdruck Dimaggio So schreiben an Depressionen Erkrankte negative Ereignisse häufig ihren eigenen Handlungen zu, während sie Positives als zufällig attribuieren Habermas In einer umfangreichen Analyse der Geschichten einer unter Agoraphobie leidenden Patientin beschreiben Capps und Ochs eine Erzählerin, die sich selbst als hilflose Protagonistin konstruiert.
Die Patientin schafft ein Narrativ, das von Gefahr und Kontrollverlust gekennzeichnet ist. Sie beschreibt sich selbst konsequent in anderen Rollen als die der Handelnden. Dabei benutzt sie Modalverben, die ihre Handlungen als notwendig und nicht als freiwillig darstellen. Indem sie ihr Scheitern in den Vordergrund rückt, betont sie ihre Verletzlichkeit und spricht sich die Fähigkeit ab, etwas bewältigen und kontrollieren zu können.
Daraus lassen sich wichtige therapeutische Implikationen ableiten. Die Entwicklung der Reflexionsfähigkeit, also sich beobachten, reflektieren und korrigieren zu können, ist eng damit verbunden, über sich selbst zu erzählen. Dafür muss das eigene Leben aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. Dieser Prozess ist grundlegend für ein funktionales Selbst Linde Eine mangelhafte Reflexionsfähigkeit führt zu einer Einschränkung von Perspektiven in Erzählungen.
Der Verzicht auf Perspektiven kann aber auch dazu dienen, bedrohliche Emotionen, Regungen und Erinnerungen abzuwehren. So können Konflikte und Ambivalenz vermieden werden Habermas Sowohl das Auslassen von Emotionen und verschiedenen Blickwinkeln als auch thematische Zuspitzungen können Merkmale eines pathologischen Narrativs sein. Stattdessen treffen sie abstrakte theoretische Aussagen, um Probleme zu kommunizieren.
Verarmten Narrativen fehlt es an Details, bildlicher Qualität und der Beschreibung von Emotionen. Die hier beschriebene narrative Entwicklung vollzieht sich von einer verarmten Erzählung, in der schmerzhafte Affekte auf körperlicher und motorischer Ebene ausgedrückt werden, hin zur Identifikation von Emotionen und der Fähigkeit, diese zu symbolisieren.
Bei der dissoziativen Identitätsstörung sind narrative Perspektiven von besonderer Bedeutung. Der Krankheit liegt aus psychodynamischer Perspektive eine Spaltung zugrunde, die frühe traumatische Ereignisse abwehren soll. Beran und Unoka beschreiben beispielhaft den Psychotherapieverlauf einer Patientin, deren Selbstnarrativ in mehrere Identitäten fragmentiert ist.
Dem Therapeuten ist es im Verlauf der Therapie gelungen, die narrative Perspektive der Patientin zu verändern, indem er die voneinander isolierten Erzählungen miteinander verbunden hat. Hierfür hat er etwa die Rolle einer ihrer Identitäten im Dialog übernommen und die verschiedenen Sichtweisen der Patientin miteinander in Bezug gesetzt. Auch gelang es der Patientin, die narrative Perspektive des Therapeuten zu übernehmen und so ein neues, verbundenes Selbst durch die dialogische Interaktion zu konstruieren.
Da alles an bereits formulierte Erzählungen angepasst wird, ist die Verarbeitung neuer Erfahrungen eingeschränkt Keen Ihr subjektives Zeitgefühl orientiert sich an einem prägenden Panikereignis. Anstatt ihre Kompetenzen anzuerkennen, beschreibt sie ihr damals souveränes Verhalten als präagoraphobisch und bringt frühere Unsicherheiten vorausahnend mit ihrer jetzigen Angststörung in Verbindung.
So erscheint diese als vorherbestimmt und unausweichlich. Die obigen Ausführungen verdeutlichen die Aktualität von Freuds Konzept des Durcharbeitens. Eine möglichst detaillierte, perspektivenreiche Erinnerung, die symbolisiert und in Worte gefasst wird, ermöglicht das Bewusstwerden und Verstehen von Verdrängtem, das dann reflektiert und in die Erzählung integriert werden kann Habermas In dieser Arbeit wurde davon ausgegangen, dass Psychopathologie mit der Störung narrativer Fähigkeiten in Beziehung steht und die Analyse von Erzählungen dem tieferen Krankheitsverständnis dienen kann.
Noch scheint die Forschung nicht so weit zu sein, um eine detaillierte Anleitung zur narrativen Diagnostik zu entwerfen. Ansätze lassen sich jedoch u. Weiterführend lassen sich beispielsweise Veränderungen im Laufe einer Therapie hin zu einer kohärenten, agentischen und integrierenden Erzählung prüfen, um eine diagnostische Aussage zu treffen. In dieser Arbeit wurde sich auf die Struktur und Erzählweise in autobiografischen Narrativen konzentriert.
Weitere interessante Kriterien, wie inhaltliche Auswertungen, die Beziehung von Erzählungen zu Symptomen und die lebensgeschichtliche Entwicklung von Störungsbild und Narrativ sollten ebenfalls beachtet werden, um ein umfassendes Bild der Zusammenhänge zwischen Narration und psychischen Störungen zu erhalten. Erzählungen dienen nicht allein der Kommunikation von Symptomen; sie selbst sollten als psychologisches Phänomen betrachtet werden.
Weiterhin lassen sich der Psychopathologie zugrunde liegende Abwehrmechanismen ableiten. Adler JM, Lodi-Smith J, Philippe FL, Houle I The incremental validity narrative identity in predicting well-being: a review of the field and recommendations for the future.