Psychologie wenn man nie anfängt etwas zu tun

Die Blumen im elterlichen Garten hatten ihre Farben verloren, die Bäume wirkten trostlos und zweidimensional. Die Welt schien ihm zu entgleiten. Am unheimlichsten jedoch war dieser Körper — sein Körper, der ihm plötzlich so fremd war.

Das Nicht-Anfangen zeigt innere Konflikte oder mangelnde Motivation. Psychologische Strategien helfen, Blockaden zu lösen. Selbstzweifel sind häufige Ursache.

Er fühlte sich wie in einem absurden Traum gefangen. Drei Jahre ist das nun her. Die Normalität ist nie wieder vollkommen zurückgekehrt. Betroffene fühlen sich wie ohnmächtige Beobachter ihres eigenen Lebens, wie in einem fremden Körper oder einer unwirklichen Welt. Obwohl das Krankheitsbild bereits Mitte des Jahrhunderts von den deutschen Ärzten Albert Zeller — und Wilhelm Griesinger — beschrieben wurde, führt es in der öffentlichen Wahrnehmung noch immer ein Schattendasein.

Tatsächlich ergeben Studien übereinstimmend, dass in den westlichen Ländern zwischen einem und zwei Prozent der Bevölkerung die Kriterien dieser psychischen Störung erfüllen. Das sind ebenso viele Menschen, wie an einer Schizophrenie leiden. Aber auch viele Gesunde kennen das Gefühl der Depersonalisation. Schwerwiegender als in diesen Fällen sind solche Zustände hingegen, wenn sie sich als Begleitsymptom einer psychischen Störung zeigen, etwa einer Angststörung oder Depression.

Auch einige körperliche Krankheiten können Gefühle der Entfremdung hervorrufen, zum Beispiel Migräne oder Schwindelerkrankungen. Die Störung kann, so wie bei Julian Liebig, urplötzlich auftreten oder sich im Lauf der Zeit aus zunächst kürzeren Episoden entwickeln. Meist beginnt sie schon im Jugendalter. Auch für die Eltern stellt die Erkrankung eine immense Belastung dar.

Mit Schaudern erinnert sich Julians Mutter Anette daran, wie ihr Sohn ihr eines Tages anvertraute: »Ich bin tot, Mama, ich habe keine Seele. Das war kein gewöhnliches jugendliches Stimmungstief. Das war gespenstisch! Der Psychiater gilt als einer der führenden Experten für diese psychische Störung und entwickelte zusammen mit German Berrios von der University of Cambridge den derzeit am häufigsten verwendeten Fragebogen zu ihrer Diagnose, die Cambridge Depersonalisation Scale.

Sierra-Siegert betrachtet die Störung als eine Reaktion des Körpers auf bedrohliche Situationen. Wer mit dem sicheren Tod gerechnet hatte, empfand das Ereignis sogar noch häufiger als unwirklich. Zudem berichteten 73 Befragte, ihr Zeitempfinden sei verändert gewesen. Die meisten erlebten die Situation wie in Zeitlupe.

Ein Teilnehmer erzählt: »Meine Gedanken wurden schneller. Die Zeit schien sich auszudehnen. Stattdessen agiert der Körper wie per Autopilot gesteuert. Das beobachtende Ich spaltet sich vom handelnden Ich ab, wobei wir uns mit dem beobachtenden Ich identifizieren. Offenbar integriert das Gehirn die beiden Teile in solchen Momenten nicht mehr.

Doch nicht immer scheint so eine Reaktion auf Gefahren sinnvoll. Beim Anblick eines gefährlichen Tiers nützte unseren Vorfahren eher die Kampf-oder-Flucht-Reaktion. Bei einer länger andauernden und diffusen Bedrohung, etwa in Gefangenschaft, kann sich die Depersonalisation jedoch als nützlich erweisen. So könnte der Zustand etwa dabei helfen, den richtigen Moment zur Flucht zu erkennen und sich aus einer Gefangenschaft zu befreien.

Die Annahme, dass Menschen, die die Realität wie durch einen Schleier wahrnehmen, wachsamer als Gesunde sein könnten, erscheint auf den ersten Blick paradox, insbesondere da viele Betroffene über Konzentrationsprobleme klagen. Doch diese Theorie wird unter anderem durch Ergebnisse von Julia Adler und ihren Kollegen von der Universität Mainz aus dem Jahr gestützt.

Patienten mit Depersonalisationsstörung fiel es im Vergleich zu Gesunden deutlich schwerer, unerwünschte visuelle Reize auszublenden. Bei einer unspezifischen Bedrohung erweist sich diese erhöhte Wachsamkeit als Vorteil, weil so unerwartete Gefahren schneller erkannt werden. In unserem heutigen Alltag führt sie jedoch zu Konzentrationsschwierigkeiten.

Daphne Simeon und ihre Kollegen von der School of Medicine at Mount Sinai in New York befragten Menschen mit einer Depersonalisationsstörung und Gesunde, um mehr über die Hintergründe der Erkrankung herauszufinden. Dabei zeigte sich: Wer in seiner Kindheit eine emotionale Misshandlung durch die Eltern erlebt hatte, etwa herablassendes Verhalten, ständige Einschüchterungen oder Beleidigungen, entwickelte deutlich häufiger Symptome der Entfremdung.

Die Wissenschaftler vermuten, dass diese Erfahrungen Gefühle von Ohnmacht und einer latenten Bedrohung auslösen, welche die Entstehung von Depersonalisationsstörungen begünstigen. Sexueller Missbrauch oder körperliche Gewalt scheinen hingegen eher zu anderen Dissoziationsstörungen wie beispielsweise einer dissoziativen Amnesie und sonstigen psychischen Erkrankungen zu führen.

Entscheidend ist laut Sierra-Siegert das Gefühl, in einer belastenden Lebenssituation keine Kontrolle zu haben. Wie hoch die Schwelle liege, sei von Person zu Person verschieden. Die Erforschung der Depersonalisation förderte auch ein merkwürdiges Muster zu Tage: Offenbar kommen Entfremdungszustände in den westlichen Ländern deutlich häufiger vor als im Rest der Welt. Um dieser Beobachtung auf den Grund zu gehen, verglichen Sierra-Siegert und sein Team 50 Studien zum Thema Panikattacken aus 21 Ländern im Zeitraum von bis Diese psychische Erkrankung wurde im Gegensatz zur Depersonalisationsstörung bereits in sehr vielen Ländern systematisch untersucht, wobei üblicherweise auch Gefühle der Entfremdung abgefragt werden.

Die Londoner Wissenschaftler fanden heraus: Je individualistischer die Kultur eines Landes, desto eher zeigen Patienten mit einer Panikstörung auch Symptome der Entfremdung. In stark individualistisch geprägten Ländern wie zum Beispiel in den USA sehen sich die Menschen vor allem als einzigartige und unabhängige Persönlichkeiten, wohingegen jene in kollektivistischen Kulturen sich selbst eher über die sozialen Gruppen definieren, denen sie angehören.

Westliche Gesellschaften sind in der Regel stark individualistisch geprägt. Und in der Tat stellte eine Forschergruppe um Matthias Michal von der Universität Mainz fest, dass in den alten Bundesländern 2,3 Prozent der mehr als Befragten die Kriterien einer Depersonalisationsstörung erfüllen, jedoch nur 0,4 Prozent in den neuen Bundesländern. Weshalb Menschen in individualistischen Gesellschaften häufiger unter einer Depersonalisationsstörung leiden, ist noch unklar.

Sierra-Siegert vermutet: Wer in einer solchen Gesellschaft aufwächst, habe mehr Angst vor Kontrollverlust. Denn wer sich als Einzelkämpfer und seines eigenen Glückes Schmied betrachte, fühle sich eher in seinem Selbst bedroht, wenn er die Dinge nicht mehr in der Hand hat. Was während einer Depersonalisation im Körper vor sich geht, verstehen Wissenschaftler dank bildgebender Verfahren schon besser.

Emotionale Reize bewirken bei Menschen in der Regel messbare Veränderungen der Herzfrequenz und des Hautwiderstands. Wie Forscher vom King's College London herausfanden, reagieren Patienten mit Depersonalisationsstörung physiologisch im Allgemeinen deutlich schwächer, wenn sie verstörende Bilder betrachten.

Unangenehme Eindrücke lassen sie also weitgehend kalt. Allerdings sprachen Betroffene unter bestimmten Versuchsanordnungen auch auffallend stark oder ungewöhnlich auf unangenehme Reize an, was auf eine Fehlregulation unter Stress hinweist. Vermutlich sind bei den Betroffenen zwei entgegengesetzte Mechanismen am Werk: Ihr vegetatives Nervensystem antwortet besonders sensibel und heftig auf beunruhigende emotionale Reize — sie neigen daher zu starker Angst und Panik.

An diesem Punkt greift die Depersonalisation ein und dämpft die Emotionen ab. Offenbar gelingt es ihnen nicht, die damit verknüpften Gefühle wahrzunehmen. Ebenso haben Wissenschaftler seit der Jahrtausendwende mehrere Besonderheiten in der Hirnaktivität der Patienten entdeckt. Typischerweise ist bei ihnen der präfrontale Kortex überaktiv und dort vor allem Bereiche, die für die Kontrolle von Emotionen zuständig sind, zum Beispiel das Brodmann-Areal Bei Gesunden regt sich diese Region etwa dann, wenn sie versuchen, ihre Gefühle beim Anblick unangenehmer Bilder zu unterdrücken.

Das geschieht, indem der präfrontale Kortex hemmende Signale an die Emotionszentren des Gehirns schickt, allen voran an die vordere Inselrinde und die Amygdala, die Teil des limbischen Systems ist. Beide Hirnregionen spielen eine Schlüsselrolle bei der Entstehung und Verarbeitung von Emotionen. Die Hemmung der Emotionszentren erklärt aber nicht nur das betäubte Gefühlsleben der Patienten, sondern auch die empfundene Unwirklichkeit.

Denn Wirklichkeit bedeutet für uns vor allem: Gefühle. Durch sie beziehen wir uns auf die Welt; sie dienen uns als Leitsystem dafür, was gut und was schlecht für uns ist, noch bevor wir eine Situation analysieren können. Dass rationales und emotionales Erkennen voneinander unabhängig sind, beweisen etwa Patienten mit dem Capgras-Syndrom.

Bei dieser seltenen Störung sind die Betroffenen davon überzeugt, ihre Angehörigen seien von Doppelgängern ersetzt worden. Sie erkennen ihre Liebsten zwar, gleichzeitig bleibt jedoch das vertraute Gefühl aus, welches sich normalerweise beim Anblick eines nahestehenden Menschen einstellt. Bei einer Depersonalisationsstörung rührt die empfundene Unwirklichkeit auch daher, dass die emotionale Färbung der Welt abhandengekommen ist.

Dies beschrieb schon der deutsche Psychiater Friedrich Schaefer — : »Es war das Unbehagen, von nichts in der Umgebung innerlich berührt zu werden, zwar alles zu sehen und zu hören, aber bei keiner Vorstellung ein Gefühl von der inneren Bewegung, von der sinnlichen Wärme zu haben, welche sie die Patienten aus der Erinnerung an ihr gesundes Leben kannten.

Daher ist es fatal, wenn Ärzte eine Depersonalisationsstörung fälschlich als beginnende Schizophrenie diagnostizieren und Antipsychotika verschreiben. Denn diese verschlimmern die Symptome häufig noch. Somit lassen sich wohl auch die Erinnerungsprobleme der Betroffenen auf die Übererregung des präfrontalen Kortex sowie die verminderte Aktivität im limbischen System und der Inselrinde zurückführen.

Beim Gefühl der Entfremdung vom eigenen Körper scheint hingegen ein zweiter neuronaler Schaltkreis relevant zu sein, der vor allem Regionen im Scheitellappen umfasst, unter anderem den Gyrus angularis. Er spielt eine entscheidende Rolle dabei, ob wir uns als Urheber einer Handlung empfinden oder nicht. Bei gesunden Personen ist er insbesondere dann aktiv, wenn sie das Gefühl haben, eine bestimmte Tätigkeit nicht absichtsvoll durchgeführt oder nicht ganz unter Kontrolle zu haben.

Offenbar signalisiert der Gyrus angularis ein Gefühl des Befremdens, wenn etwas anders abläuft als geplant. Das könnte erklären, warum sie sich selbst oft als Automaten oder Roboter erleben. Eine weitere Hirnregion, die für das Empfinden der eigenen Körperlichkeit eine Rolle spielt, befindet sich am Übergang zwischen Scheitel- und Temporallappen. Inwiefern diese Region eine Rolle bei der Depersonalisation spielt, versuchen Forscher derzeit zu ergründen.

Denn je besser sie die psychische Störung verstehen, desto eher können Ärzte und Therapeuten den Betroffenen helfen.

Psychologie nennt das Phänomen Handlungsaufschub. Es entsteht durch Überforderung oder fehlende Klarheit. Struktur und Selbstreflexion fördern den Start.

Bisher existiert nämlich noch keine etablierte spezifische Therapie. Dennoch schätzt Sierra-Siegert, dass die derzeitigen Behandlungsansätze die Beschwerden bei mehr als der Hälfte der Patienten deutlich lindern. Sie richten sich zum einen auf die psychischen Ursachen der Depersonalisation und zum anderen auf die aus dem Gleichgewicht geratenen Hirnprozesse. Da am Ursprung der Depersonalisationsstörung häufig die Angst vor Kontrollverlust steht, ist es oft hilfreich, belastende Erfahrungen psychotherapeutisch aufzuarbeiten und das Selbstwertgefühl der Betroffenen zu stärken.

Dies macht sie weniger anfällig für Depersonalisationszustände. In einer kognitiven Verhaltenstherapie lernen die Patienten, jene Verhaltensmuster zu durchbrechen, welche die Erkrankung aufrechterhalten oder gar verschlimmern. Zunächst erfahren sie Wissenswertes über ihre Erkrankung und mögliche Ursachen. Vielen fällt ein Stein vom Herzen, wenn sie erfahren, dass ihr Zustand gar nicht so ungewöhnlich und kein Grund zur Besorgnis ist.

Wie ein Forscherteam um Elaine Hunter vom King's College London herausfand, neigen Menschen mit Depersonalisationsstörung dazu, verschiedene körperliche Reaktionen zu katastrophisieren und ihnen viel Aufmerksamkeit zu schenken. Nach möglichen Ursachen für Symptome wie Herzklopfen, ein Gefühl der Entfremdung, Hunger oder Verwirrung gefragt, gaben sie zumeist dramatische Deutungen an »Ich werde verrückt« , während eine gesunde Kontrollgruppe zu normalisierenden Erklärungsversuchen neigte »Ich bin erschöpft«.

Auf diese Weise geraten viele in einen Teufelskreis: Sie werten ihren Zustand als Zeichen einer schlimmen Krankheit, fühlen sich dadurch hilflos und geraten in Panik, wodurch sich die Depersonalisation wiederum verschlimmert. Dieser Angstspirale zu entkommen, ist das Ziel der Therapie.