Arbeitsmarkt psychologie schweiz

Kohler ist Psychologin mit einer Zusatzausbildung als Psychotherapeutin. Auf eigene Verantwortung darf sie lediglich Patienten behandeln, die selber bezahlen oder eine Zusatzversicherung haben. Die Grundversicherung finanziert die Dienstleistung von psychologischen Psychotherapeuten nur, wenn sie «delegiert» tätig sind — also von einem Psychiater angestellt sind und in dessen Räumlichkeiten praktizieren.

Dieses Delegationsmodell wurde vor über zwanzig Jahren als Provisorium eingeführt. Damit angefreundet haben sich die Psychologen nie. Petra Kohler arbeitete zuerst sieben Monate delegiert in einer Praxis in Zürich, dann noch ein halbes Jahr lang in Bern. Bei der ersten Stelle hatte sie nicht einmal einen schriftlichen Arbeitsvertrag, weil ihr der Psychiater einen solchen verweigerte.

Von den bis Franken, welche die Krankenkasse oder die IV dem Arzt für eine Behandlungsstunde überwies, bekam sie bloss 80 Franken ausbezahlt und musste damit die Sozialversicherungsbeiträge selber begleichen. Ausserdem hatte sie einen Beitrag an die Praxismiete zu leisten. In den Ferien verdiente sie nichts, ebenso, wenn ein Patient eine Therapiestunde absagte oder die Rechnung nicht bezahlte.

Er hat die Rosinen gepickt», klagt Kohler. Bei der zweiten Arbeitsstelle erhielt sie brutto nur noch 70 Franken pro Stunde. Viel bleibt da am Ende des Monats nicht übrig, zumal ein Therapeut gemäss den Empfehlungen des Branchenverbandes pro Tag maximal sechs Patienten betreuen sollte. Gut qualifiziert und doch abhängig Eine Alternative hatte die Bernerin jedoch nicht, wie viele andere junge Psychologen, die in den Beruf einsteigen.

Nach dem Studium absolvieren sie eine vom Bundesamt für Gesundheit BAG akkreditierte, vier- bis fünfjährige Ausbildung in Psychotherapie, die 50 Franken oder mehr kostet. Damit sind sie laut Fachleuten mindestens so gut qualifiziert wie Mediziner, die Psychotherapien anbieten. Ich merkte erst da, was für ein Horror das derzeitige System für viele meiner Kolleginnen und Kollegen ist.

Klar ist, dass viele Psychiater darum bemüht sind, den delegierten Therapeuten ein gutes und faires Arbeitsumfeld zu bieten. Doch ebenso klar ist, dass manche Ärzte mit dem heutigen System gutes Geld verdienen. Sie dürfen pro Woche maximal Therapiestunden delegieren, das entspricht etwa vier Angestellten in Vollzeit. Behalten die Psychiater pro Stunde 50 Franken für sich, können sie monatlich auf einen Zusatzverdienst von rund 20 Franken kommen, wovon ein Teil in die Miete für die Praxisräumlichkeiten und das Sekretariat fliesst.

Der Arbeitsaufwand für die Ärzte ist dabei gering: Sie müssen jeden Patienten einmal sehen und ab und zu einen Blick in die Akten werfen — und können dies den Krankenkassen auch noch in Rechnung stellen. Im Fall von Petra Kohler foutierten sich beide Ärzte jedoch völlig um ihre Aufsichtspflicht. Die Psychologen machen Druck Die gegenwärtigen Regeln sichern den Psychiatern eine starke Stellung, nicht nur monetär.

Entsprechend sind viele von ihnen nicht begeistert, dass sich nun ein Systemwechsel abzeichnet. Der Psychologenverband FSP macht seit Jahren Druck auf die Politik und hat dem Bundesrat vor einigen Monaten eine Petition mit fast Unterschriften überreicht. Das Ziel: Künftig soll das Anordnungsmodell gelten. Das bedeutet, dass weiterhin ein Arzt die Patienten an die psychologischen Psychotherapeuten überweisen müsste, diese jedoch selber über die Grundversicherung abrechnen und eine eigene Praxis betreiben könnten.

Gesundheitsminister Alain Berset hat ein offenes Ohr für das Anliegen gezeigt und angekündigt, eine Vernehmlassung für eine Neuregelung eröffnen zu wollen. Möglicherweise ist es schon diesen Mittwoch so weit. Dabei steht für alle Beteiligten einiges auf dem Spiel.

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Das hat der Sturm der Entrüstung gezeigt, den vor einigen Wochen Erich Seifritz mit einem Gastbeitrag in der NZZ entfachte. Der Chefarzt für Erwachsenenpsychiatrie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich spricht darin die Warnung aus, die fehlende Kontrolle durch Ärzte im Anordnungsmodell werde «verheerende Auswirkungen» auf die Behandlungsqualität haben.

Das hätten Erfahrungen in Deutschland gezeigt, das den Systemwechsel vor rund zwanzig Jahren vorgenommen habe. Seifritz geht davon aus, dass Menschen mit schweren psychischen Störungen weniger Chancen auf einen Therapieplatz hätten als heute, weil sich die psychologischen Psychotherapeuten vor allem um die leichteren Fälle kümmern würden.

Er plädierte deshalb für den Status quo — und provozierte damit heftige Widerrede vonseiten der Psychologen. Der Verband der psychiatrisch-psychotherapeutisch tätigen Ärzte FMPP will noch keine Position zum Anordnungsmodell beziehen, sondern auf den Vernehmlassungstext warten und dann die eigenen Mitglieder dazu befragen. Der Verband fordert aber, dass nur ein «fachlich ausgewiesener» Arzt eine Psychotherapie bei einem selbständigen Psychologen anordnen dürfe — nicht jedoch ein Hausarzt, wie das der Psychologenverband gerne hätte.

Deshalb brauche es auch in Zukunft Beschränkungen, betont Müller. So soll der involvierte Arzt weiterhin die medizinische Qualität sicherstellen, was bedinge, dass er nicht zahllose Therapien verschreiben könne. Wichtig ist dem Verband zudem, dass der Bundesrat mit einem Automatismus sicherstellt, dass bei übermässigem Kostenwachstum Korrekturen erfolgen.

Die Angst vor einer Mengenausweitung hat auch damit zu tun, dass manche Experten hierzulande eine psychiatrische Unterversorgung diagnostizieren — und damit einen grossen Nachholbedarf. Die Schweiz hat zwar die mit Abstand höchste Psychiaterdichte aller OECD-Staaten. Aber viele von ihnen gehen in den nächsten Jahren in Pension, und es mangelt an Nachwuchs, weil die psychische Belastung hoch ist und der Lohn tiefer als in anderen ärztlichen Sparten.

Somit besteht die Gefahr, dass sich die mutmassliche «Behandlungslücke» noch vergrössert, die eine Studie im Auftrag des BAG konstatierte. Betroffen vom Mangel sind besonders Kinder und Jugendliche, die lange auf einen Therapieplatz warten müssen. Hier könnten psychologische Psychotherapeuten Abhilfe schaffen, wenn sie freier arbeiten dürften.

Der Schweizer Arbeitsmarkt für Psychologen wächst stetig. Fachkräfte profitieren von hohen Gehältern, besonders in der Privatwirtschaft und der stationären Therapie.

Doch das wird kosten. Die Berner Psychologin Petra Kohler ist heute Teilzeit in einem Spital angestellt und behandelt zusätzlich Selbstzahler und Zusatzversicherte. Die Jährige ist nun grundsätzlich zufrieden, wünscht sich jedoch, dass das Anordnungsmodell bald kommt. Und sie kann sich vorstellen, dann voll auf die eigene Praxis zu setzen.