Psychologie abnabelung
Noch nie standen sich Kinder und Eltern so nahe wie heute. In Deutschland leben gegenwärtig etwa 4 von 10 jungen Erwachsenen bei ihren Eltern. Vor 40 Jahren waren es nur 2 von Wenn Eltern und Kinder sich in dieser engen Konstellation am wohlsten fühlen, ist doch alles bestens. Aber kann Selbstständigkeit ohne Eigenständigkeit gelingen? Die Verbindung halten und sich gleichzeitig lösen, ist eine schwierige Aufgabe.
Wie das Abnabeln von Eltern und Kindern funktioniert und warum es so wichtig ist, beantwortet uns Prof. Martin Bohus. Interview mit Prof. Martin Bohus, Wissenschaftlicher Direktor des Zentralinstitutes für Seelische Gesundheit in Mannheim und wissenschaftlicher Beirat der Rhein-Jura Klinik. Das Abnabeln vom Elternhaus ist ein sehr wichtiger Schritt in der Adoleszenz.
Es beginnt zunächst einmal mit einer starken Orientierung auf Gleichaltrige. Die Peergroup dt. Jugendliche übernehmen Normen, Erlebnisstruktur und Gruppenregeln dieser Peergroup.
Unbewusste Abnabelungsmuster (z. B. Rebellion oder Rückzug) wirken sich auf Beziehungen aus. Eine gesunde Abnabelung stärkt das Selbstwertgefühl und die Lebenszufriedenheit.
Manchmal sind diese in Einklang mit dem Elternhaus — und manchmal stimmen sie nicht überein. Das kann zu Konflikten führen oder nicht. Förderlich für die Entwicklung von jungen Menschen ist auf alle Fälle, wenn ein Kind es schafft, sich in einer Peergroup zu etablieren und zu verankern. Meist am Ende der Schulzeit findet eine Rückorientierung statt. Aus der starken Peergroup heraus organisieren sich die jungen Erwachsenen dann eher in Lernstrukturen: sie gehen an die Uni oder beginnen eine Ausbildung.
Die jungen Menschen lernen, eine ganze Reihe von Prozessen zu erfüllen, die nicht ihrer unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung dienen. Das erfordert einige emotionale Fertigkeiten. In diesem Zusammenwirken entsteht so etwas wie das Bedürfnis nach einer Präzisierung und eigener Umsetzung von Werten. Grundsätzlich war und ist es in allen Gesellschaften schwierig für Jugendliche, sich konkrete Ziele und Utopien zu machen.
In unserer Zeit ist es auch schwierig, oder vielleicht sogar schwieriger, weil in hohem Tempo ein massiver Wandel passiert und es immer weniger verlässliche, tragfähige Strukturen gibt. Viele junge Menschen fangen ein Studium an, obwohl sie gar nicht wissen, was sich dahinter verbirgt. So fällt es den jungen Menschen oft schwer, zu verstehen, warum sie dieses Studium überhaupt machen sollen.
Das verkompliziert es für viele, konkrete, mit Bildern gefüllte Wunschvorstellungen zu entwickeln. Aus dieser Ursache heraus können motivationale Störungen und subdepressive Syndrome entstehen. Die jungen Menschen hängen rum und suchen permanent nach schnellen kurzfristigen Ablenkungen. Dafür ist das Internet zum Beispiel gut. Das ist viel unterhaltsamer als der langfristige Lern- und Arbeitsprozess.
Dazu kommt ein gewisser Wohlstand, den wir in Deutschland haben. Sehr viele Mittelschichtskinder wachsen auf mit einem Gefühl der permanenten Versorgtheit. Die klassische menschliche Triebkraft, die Unsicherheit über die finanzielle Zukunft — die ein starker Antrieb dafür ist, etwas aus sich zu machen — ist nicht mehr vorhanden. Das führt zu einer Art Wohlstandsverwahrlosung: der zentrale Teil, aus Angst vor nicht ausreichendem finanziellen Einkommen und die Sehnsucht, Sicherheit zu schaffen, fällt weg.
Die zentrale Herausforderung der Menschheit, die Ressourcenknappheit, hat sich zu einer Gesellschaft gewandelt, die künstlich Bedürfnisse hochschraubt, um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Wenn Eltern in der früheren Phase 13 — 16 Jahre merken, dass ihr Kind keinen Zugang zu einer Peergroup bekommt, könnte das ein Warnsignal sein. Die Eltern sollen die Augen aufmachen und sich vergegenwärtigen, dass ein Abnabeln von Kindern und Eltern normal ist und dass es auch normal ist, dass die Kinder ihre Clique wichtiger finden als die Eltern.
Wenn das nicht passiert, sollten sie tatsächlich das Gespräch suchen zu ihrem Kind und herausfinden, an was es hakt. Das sind häufig kleine Sachen wie Smalltalk lernen, Kritik einstecken können oder ein Wagnis machen. Das Kind kann sich ganz gezielt eine Clique suchen, die vielleicht nicht sofort auf dem Schulhof stattfindet.
Zum Beispiel ein Sportverein oder ein Jugendverband. Die Eltern sollen ihr Kind ermuntern, die Wahlmöglichkeiten zu nutzen und irgendwo in einen Cliquen-Kreis reinzukommen. Wenn das unklar ist, sollten die Eltern das Kind dabei unterstützen, reale Erfahrungen mit dem Leben zu machen. Dort findet der Kontakt mit sozialer Wirklichkeit statt, also mit Leiden von anderen, mit Wirklichkeit von anderen.
Der junge Mensch lernt, dass die eigene Person und das eigene Handeln tatsächlich wirksam sind und Bedeutung haben. Das ist zentral. Die meisten jungen Erwachsenen leiden unter dem Gefühl der Sinnlosigkeit und Beliebigkeit. Also was sie machen ist scheinbar völlig egal. Es dauert in unserer hochakademisierten Gesellschaft sehr lange, bis ein junger Mensch irgendwann einmal in einen gewissen Bereich kommt, in dem sein eigenes Handeln Bedeutung bekommt.
Das ist aber die wichtigste Erfahrung. Eltern sollten also ihren Ehrgeiz zurücknehmen. Es geht weniger um konkrete Abschlüsse, als vielmehr darum, Felder zu eröffnen, in denen junge Erwachsene erleben können, dass es von Bedeutung ist wie sie handeln und wie sie denken — für andere! Und das ist nicht der Ausbildungsbereich, sondern das ist meistens der soziale Bereich.
Die jungen Menschen müssen konkrete Erfahrungen von Wirksamkeit machen. Dazu muss man sich natürlich auch ein bisschen trauen. Eltern können den Kindern da einen Stups geben. Zudem ist es auch sinnvoll, die Ressourcen zu gestalten. Zu viel finanzielle Unterstützung ist nicht unbedingt sinnvoll. Es ist wichtig, dass junge Menschen lernen und merken, dass Ressourcenknappheit ein normaler Zustand ist.
Sie sollen erfahren, dass man was dafür tun muss, sein Geld zusammenzubekommen. Dass nicht jeder Wunsch sofort befriedigt wird, denn dann gibt es überhaupt keinen Grund mehr, sich anzustrengen und zu arbeiten. Das muss ein Mensch erst lernen. Die Rhein-Jura-Klinik ist ein Fachzentrum für Stressmedizin, psychosomatische Störungen und medizinische Psychiatrie.
Für junge Erwachsene ab 18 Jahren bieten wir eine spezielle Therapie an. Dabei arbeiten unsere Patienten immer im Team mit ihren Therapeuten und Ärzten. Wenn Sie mehr über unser Angebot für junge Erwachsene erfahren wollen, informieren Sie sich auf unserer Homepage oder nehmen Sie Kontakt zu uns auf! Seitdem das Suizid-Drama im…. Zum Kontaktformular. Karriere Ihre Karriere bei Oberberg Über uns Presse Veranstaltungen Magazin COVID Übersicht Vorteile der Zusammenarbeit Newsletter-Anmeldung.
Unser Behandlungsspektrum Übersicht aller Behandlungsfelder Depression Burnout Stress- und Traumafolgestörungen inkl. PTBS Angststörung Zwangsstörung Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung ADHS Psychose Somatoforme Störungen inkl. Junge Erwachsene Junge Erwachsene — darum ist das Abnabeln von Eltern und Kindern so wichtig.
Jeder Mensch durchläuft in seinem Leben die Phase vom Kind zum Erwachsenen. Warum ist dieser Schritt so wichtig für die Entwicklung junger Erwachsener? Schwierigkeiten: jemand, der Schwierigkeiten hat, Vertrauen aufzubauen; jemand, der Mobbingerfahrungen hat; jemand, der sehr unsichere Bindungserfahrungen mit seinen Eltern gemacht hat; jemand, der hypersensitiv ist gegenüber Zurückweisungen — der wird Probleme haben, sich in einer Peergroup einzufinden.
Jemand, der dort wiederum beispielsweise Mobbingerfahrungen macht, wird sich zurückziehen. Und so fehlt ihm eine ganz wesentliche Phase in seiner Adoleszenz. An diesem Zeitpunkt ist eine der vielen Ursachen von Angsterkrankungen, depressiven Erkrankungen oder Störungen in der Adoleszenz gegeben. Er muss lernen, Rollen einzunehmen und auszuhalten, obwohl es gar nicht seine sind.
Dazu braucht es gewisse Fähigkeiten: Das eine ist die grobe Ahnung von den eigenen Werten und Gefühlen. Man macht etwas Unangenehmes nur, wenn man irgendwie das Gefühl hat, es rentiert sich für einen. Das ist ein klassisches Phänomen: man erträgt das kurzfristige Unwohlsein, um langfristig den Trieb zu befriedigen. Wenn man aber gar keine Werte und Ziele hat als junger Mensch, und keine Utopien, dann ist es sehr schwierig, sich Situationen auszusetzen, die Unwohlsein hervorrufen.
Die Oberberg Kliniken sind deutschlandweit vertreten. Wir therapieren alle Arten psychischer Krankheitsbilder nach den neuesten Erkenntnissen aus Wissenschaft und Praxis, stets individuell auf persönliche Bedürfnisse zugeschnitten. Mehr erfahren. Unsere Patientinnen und Patienten erhalten in unseren Fachkliniken Therapien, die modernsten medizinischen Standards entsprechen und dabei auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind — in einer Atmosphäre, in der sie sich wohlfühlen.
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